{"id":2356,"date":"2022-08-10T13:43:11","date_gmt":"2022-08-10T13:43:11","guid":{"rendered":"https:\/\/klaipedatravel.lt\/2022\/08\/10\/mit-schnaps-und-schweineohren-ueber-die-ostsee\/"},"modified":"2022-08-10T13:43:11","modified_gmt":"2022-08-10T13:43:11","slug":"mit-schnaps-und-schweineohren-ueber-die-ostsee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klaipedatravel.lt\/de\/mit-schnaps-und-schweineohren-ueber-die-ostsee\/","title":{"rendered":"Mit Schnaps und Schweineohren \u00fcber die Ostsee"},"content":{"rendered":"<p><em>Als ich das nasse Deck betrat, wollte ich sofort wieder zur\u00fcck ins Trockene. Gut, dass ich es nicht tat. Mir w\u00e4re zwar der Kater am n\u00e4chsten Tag erspart geblieben. Doch nur so kam es dazu, dass ich mit Bikern Schweineohren a\u00df und auf einem Segelboot Sekt trank. Ein Geschichte von der F\u00e4hre nach Litauen \u2013 und vom Gl\u00fcck, zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein.<\/em><\/p>\n<p>Die Kieler F\u00f6rde sah an diesem Abend trostlos aus. Es war zwar kurz vor acht Uhr an einem Abend Anfang Juli, doch von der sommerlichen Abendsonne war hinter den grauen Wolken nichts zu sehen. Eine Stunde sp\u00e4ter sollte die F\u00e4hre zu ihrer knapp zwanzigst\u00fcndigen Fahrt ins litauische\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nordisch.info\/litauen\/ein-besuch-in-klaipeda-unbekannte-kueste\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Klaip\u0117da<\/a>\u00a0ablegen. Derweil rangierten an der Auffahrt zum Schiff noch LKW. Einweiser und Fahrer br\u00fcllten sich durch den Maschinenl\u00e4rm auf Russisch an. Ich sah ihnen von der Reling dabei zu.<\/p>\n<h3>Eine zuf\u00e4llige Begegnung<\/h3>\n<p>\u00dcber den Hubschrauberlandeplatz ging ich auf die andere Seite des Schiffs, um ins Innere zu gehen. Bei Wind und Regen wollte ich nicht drau\u00dfen bis zur Abfahrt warten, wie ich es sonst immer mache, wenn die F\u00e4hre den Hafen verl\u00e4sst. Beim Versuch, noch ein letztes Foto vom grauen Himmel zu schie\u00dfen, sprach mich eine Frau auf Litauisch an. Unter ihrer wei\u00dfen Jacke sah ich sofort das T-Shirt mit dem litauischen Wappen.<\/p>\n<p>Da sie schnell merkte, dass meine sprachlichen Kenntnisse nicht f\u00fcr eine Antwort reichten, sprang sie in ein akzentfreies Deutsch \u00fcber. Sie fragte, ob ich ein Video von ihr und ein paar anderen Leuten machen k\u00f6nnte. Ich willigte ein und sie erkl\u00e4rte mir ihren Plan: Heute sei Litauens Nationalfeiertag und man werde hier zu dessen Feier die Hymne singen. So machten es an diesem Tag jedes Jahr hunderte ihrer Landsleute. Um neun Uhr litauischer Zeit werde weltweit gesungen. Daf\u00fcr komme gleich der Kapit\u00e4n, au\u00dferdem die halbe Besatzung und eine Handvoll Passagiere.<\/p>\n<h3>Ein improvisierter Schiffschor<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich f\u00fcllte sich das Deck, w\u00e4hrend ich den perfekten Winkel f\u00fcr das Video suchte. Menschen in Uniformen, aber auch Passagiere in Regenjacken. Kurz darauf war es so weit: \u00dcber die Lautsprecher erklang die Hymne. Die rund zwanzig Menschen vor mir sangen flei\u00dfig mit, wenn auch nicht gleichzeitig. Am Ende des Lieds jubelten die S\u00e4nger. Dann ging das Schiffspersonal wieder zurr\u00fcck zur Arbeit und die Passagiere flohen vor dem einsetzenden Regen ins Innere.<\/p>\n<p>Auf dem Weg dorthin stellte sich mir die Organisatorin des Schiffschors als Dalia vor. Wie sich herausstellte, war sie nicht irgendeine Passagierin, sondern Pr\u00e4sidentin des weltweiten Verbandes f\u00fcr die Interessen von Auslandslitauern. Sie sei gerade auf dem Weg von Hamburg, wo sie wohnt, zu einem Sportwettbewerb im S\u00fcden Litauens. Die Chance, am j\u00e4hrlichen Singen zum Nationalfeiertag teilzunehmen, h\u00e4tte sie sich aber auch auf der F\u00e4hre nicht nehmen lassen.<\/p>\n<p>Das von mir gedrehte Video w\u00fcrde sp\u00e4ter im Fernsehen gesendet werden, sagte Dalia. Mit einem L\u00e4cheln lud sie mich, den Filmemacher, in die Schiffsbar ein. An einem Tisch in der Mitte nahm ich zwischen ihr und vier M\u00e4nnern in gr\u00fcnen T-Shirts Platz. Auf der Suche nach S\u00e4ngern hatte Dalia die Gruppe auf dem Parkdeck abgefangen, wo sie gerade ihre Motorr\u00e4der abgestellt hatten.<\/p>\n<h3>Snacken auf Litauisch<\/h3>\n<p>Nachdem wir auf Litauens Wohl angesto\u00dfen haben, redeten wir wortw\u00f6rtlich \u00fcber Gott und die Welt, au\u00dferdem \u00fcber Olaf Scholz und Pride-Paraden. Ich hatte nicht gemerkt, dass wir schon beim dritten Bier waren, als mir einer der Biker auf die Schulter klopfte. \u201eHier, das musst du probieren!\u201c, sagt er und reicht mir eine kleine Schachtel. Das, was ich probieren musste, sah wie knorpeliger Speck aus. Und so schmeckte es auch. Ein landestypischer Snack, erz\u00e4hlte man mir, nachdem ich schon probiert hatte: \u201eGer\u00e4ucherte Schweineohren. Aber die hier sind viel zu dick geschnitten!\u201c<\/p>\n<p>Die F\u00e4hrfahrt sei die letzte Etappe ihrer Reise, erz\u00e4hlten die Biker. Bereits seit einigen Jahren f\u00fchren sie im Sommer auf Motorr\u00e4dern durch die Welt. Gemeinsam seien sie schon in Italien und Spanien gewesen, aber auch in der Ukraine und den USA. Dieses Jahr waren sie bis in die Alpen gefahren.<\/p>\n<p>Die Bergstra\u00dfen seien furchtbar sch\u00f6n gewesen \u2013 doch die Schweizer auch furchtbar langsam, beschwerte sich einer der Biker. W\u00e4hrend er mir auf dem Handy die Strecke zeigte, haftete mein Blink auf seinen H\u00e4nden. Anhand deren Br\u00e4unung mutma\u00dfte ich \u00fcber die Form seiner Handschuhe.<\/p>\n<p>Es war schon sp\u00e4t am Abend, als die letzte Runde in der Bar verk\u00fcndet wurde. Die Biker luden mich auf einen Absacker ein. Trotz meiner M\u00fcdigkeit stimmte ich zu. Wenig sp\u00e4ter sa\u00dfen wir auf den unteren Betten ihrer Innenkabine. In der Mitte auf dem Boden stand der Rest des Proviants, den das Gep\u00e4ck hergab: Eine Flasche deutscher Schnaps, polnische W\u00fcrste, eingelegte Gurken und ein Bund Lauchzwiebeln. In dieser Nacht \u2013 war ich mir sicher \u2013 w\u00fcrden wir alle tief schlafen.<\/p>\n<h3>Katerstimmung auf hoher See<\/h3>\n<p>Der Bordlautsprecher riss mich ein paar Stunden sp\u00e4ter aus den Tr\u00e4umen. In drei Sprachen lud die Crew zum Fr\u00fchst\u00fcck. Von den Bikern sah ich am Morgen keine Spur \u2013 weder an der Schlange zum Buffet noch im Fr\u00fchst\u00fccksraum. Um mich herum fr\u00fchst\u00fcckten Familien, \u00e4ltere P\u00e4rchen und Lastwagenfahrer und plauderten m\u00fcde vor sich hin.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck erwachte an Bord allm\u00e4hlich das Leben. Ziellos ging ich \u00fcber die Decks, streifte durch die Bars und G\u00e4nge, am Bord-Shop vorbei und schlie\u00dflich ins Bistro. Es roch nach Kaffee und Chlorreiniger. Im Fernseher lief ein Tennisspiel vom Vortag. Nur wenige St\u00fchle waren besetzt. Da die Sonne mittlerweile schien, ging ich auf das Au\u00dfendeck. Dort f\u00fchrten einige G\u00e4ste ihre Hunde aus, andere hatten auf dem Hubschrauberlandeplatz ihre Decken ausgebreitet und sonnten sich.<\/p>\n<p>Die M\u00f6wen, die uns entgegenflogen, k\u00fcndigten am Nachmittag die Ankunft in Klaip\u0117da an. Als wir die K\u00fcste erreichten, tauchten neben mir gr\u00fcne T-Shirts auf. Erst jetzt hatten es die Biker wieder ans Tageslicht geschafft. W\u00e4hrend der Einfahrt zeigt mir einer der M\u00e4nner den Hafen: die Docks, die Speicher, die einzige baltische Bootswerft und nat\u00fcrlich Litauens ganzen Stolz, das Fl\u00fcssiggasterminal. \u201eSo eins, das ihr jetzt auch wollt\u201c, sagt er zu mir und l\u00e4chelte schelmisch.<\/p>\n<h3>Von Boot zu Boot zu Boot<\/h3>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter legten wir an. Fu\u00dfg\u00e4nger verlie\u00dfen die F\u00e4hre als erste, daher musste ich mich beeilen. Kurz bevor ich ging, tauschten Dalia und ich Kontakte aus. Sie w\u00fcrde den Abend bei einer Freundin in Klaip\u0117da verbringen und vielleicht erg\u00e4be sich etwas. In der Tat sahen wir uns sp\u00e4ter am Yachthafen wieder. Auf einer gro\u00dfen B\u00fchne spielte sich eine Band f\u00fcr das Jazz-Festival warm.<\/p>\n<p>Als ich zur B\u00fchne gehen m\u00f6chte, um mir einen Platz zu sichern, riefen mich Dalia und ihre Freundin Ieva zur\u00fcck: \u201eKomm mit! Vom Balkon h\u00f6rt man besser.\u201c Da nirgendwo ein Haus zu sehen war, wurde ich stutzig, folgte den beiden aber wortlos zum Segelhafen. Der \u201eBalkon\u201c war das Deck der Ambersail 1. Das Sportsegelschiff hatte 2009 f\u00fcr Litauens Tausendjahrfeier die Welt umsegelt. Heute lag sie in Klaip\u0117da an und wurde zur Trib\u00fcne. F\u00fcr uns, den Jazz und Champagner aus Plastikbechern.<\/p>\n<p>Als ich nach oben blickte, sah ich die Masten der Segelboote sich im Abendrot wiegen. Ieva erz\u00e4hlte mir derweil von ihrem Beruf als Kommunikationsspezialistin. Einer ihrer Kunden war die Mannschaft, die mit der Ambersail zur See fuhr. F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag lud sie mich ein, den Start einer Regatta im Fotografenboot live mitzuverfolgen. Ich nahm dankend an.<\/p>\n<p>Innerlich kicherte ich diebisch beim Gedanken an die Zuf\u00e4lle, die mich hierher gef\u00fchrt hatten. Auch das n\u00e4chste Mal, schwor ich mir, w\u00fcrde ich vor der Abfahrt der F\u00e4hre wieder an Deck gehen. Regne es, wie es wolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Informationsquelle\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nordisch.info\/litauen\/mit-schnaps-und-schweineohren-ueber-die-ostsee\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nordisch.info<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich das nasse Deck betrat, wollte ich sofort wieder zur\u00fcck ins Trockene. Gut, dass ich es nicht tat. Mir w\u00e4re zwar der Kater am n\u00e4chsten Tag erspart geblieben. Doch nur so kam es dazu, dass ich mit Bikern Schweineohren a\u00df und auf einem Segelboot Sekt trank. 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