Die Einwohner, die in den Nachkriegsjahren nach Klaipėda gezogen sind oder dort geboren wurden, erinnern sich noch an den „Wald“ aus Antennen, der einst im Stadtzentrum emporragte. Es handelte sich um eine geheime Funkstörstation aus der Sowjetzeit, deren Aufgabe darin bestand, Rundfunksendungen aus westlichen Ländern zu stören. Die sowjetischen Behörden strebten danach, die Möglichkeiten der Bevölkerung einzuschränken, Sendungen von „Voice of America“, der BBC, „Radio Free Europe“, „Radio Liberty“ und des Vatikanradios zu empfangen. Die Anlage war bis Ende 1988 in Betrieb, als die Störung ausländischer Radiosendungen auf Anordnung des Kommunikationsministers der Litauischen SSR endgültig eingestellt wurde.
Dieses Gebiet blickt jedoch auf eine weitaus längere und komplexere Geschichte zurück. Bis zum Zweiten Weltkrieg befanden sich hier der Friedhof und das Haus für rituelle Dienste der jüdischen Gemeinde von Klaipėda. Während der nationalsozialistischen Besatzungszeit wurde die jüdische Gemeinde von Klaipėda ausgelöscht, und ihr Kulturerbe erlitt enorme Verluste. Nach dem Krieg errichtete die sowjetische Regierung an der Stelle des ehemaligen Friedhofs eine geheime Funkstörstation namens „Objekt Nr. 61“. Beim Bau der Infrastruktur dieser Anlage wurden die Grabsteine des abgetragenen jüdischen Friedhofs als Baumaterial verwendet, unter anderem für die Fundamente der Antennen. Die Geschichte dieses Gebiets ist zu einem beredten Zeugnis des Erbes zweier totalitärer Regime – des nationalsozialistischen und des sowjetischen – geworden: Das eine vernichtete die jüdische Gemeinde der Stadt, das andere löschte die Erinnerung aus und verdrängte ihre frühere Geschichte für lange Zeit in die Vergessenheit.
Am 30. Juli um 16 Uhr lädt die jüdische Gemeinde von Klaipėda zur Veranstaltung „Stimmen der Verstorbenen“ ein, bei der die Namen der 1.225 auf diesem Friedhof beigesetzten Menschen verlesen werden. Im Rahmen der Veranstaltung werden zudem symbolische Macevas – jüdische Grabdenkmäler – enthüllt, die an die zerstörten Friedhöfe erinnern sollen.
Prof. Dr. Ruth Leiserowitz wird Ihnen die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Klaipėda näherbringen. An der Veranstaltung nehmen Schauspieler des Theaters „Šatil“ der jüdischen Gemeinde von Klaipėda teil.
Die Vergangenheit lebt weiter, solange wir uns an sie erinnern. Die Zukunft beginnt, wenn wir sie gemeinsam gestalten.
Veranstalter des Projekts ist die jüdische Gemeinde von Klaipėda.
Das Projekt wird von der Stadtverwaltung Klaipėda finanziert.
Projektpartner sind der Geschichts- und Kulturverein „Jews in East Prussia“, das Museum von Kleinlitauen, das Zentrum für nationale Kulturen in Klaipėda sowie der „Geros valios fondas“.