Fischer

Mensch! Kopf hoch! Oder zumindest Nase oder Ohr … Ich bin hier, hoch oben. Dass Du interessiert bist, ist natürlich nett. Aber ich verstehe auch, dass wir Probleme mit der Kommunikation haben. Höre deshalb sehr genau zu.

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Ich bin der älteste in der Hafenstadt – ich stehe seit ungefähr 50 Jahren hier und beobachte die Stadt von oben. Die Welle hob mich auf eine Höhe von einigen Metern, damit ich auf die Fischer der Stadt Acht geben kann. Wie ich hierhergekommen bin, fragst Du? Nun, das ist eine kniffelige Geschichte, bitte setz Dich. Schau, lieber Freund, zu meiner linken Seite. Dieses helle, reich verzierte Gebäude – das heutige Rathaus. Als der französische Kaiser Napoleon Bonaparte fast das ganze Herzogtum Preußen besetzte, wurde die Hauptstadt kurzzeitig von Berlin nach Klaipėda verlegt, und dieses helle, majestätische Gebäude des Rathauses von Klaipėda wurde zur vorübergehenden Residenz vom preußischem König Friedrich Wilhelm III. Ich sage Dir, damals war es das schönste Gebäude des Klassizismus in der ganzen Stadt! Es wurde bald im Neorenaissance-Stil wiederaufgebaut und blieb das Gebäude das du gerade sieht.. Aber verstehe mich nicht falsch, die Stadtbewohner können stolz auf sein – in diesem historischen Gebäude wurde ein Oktoberedikt unterzeichnet, das die Abschaffung der Sklaverei im gesamten Herzogtum ankündigte.

Ein Jahrhundert später wurde an dieser Stelle, die ich jetzt bewache, ein Denkmal für Borussia errichtet, um an den Sieg über Kaiser Napoleon Bonaparte zu erinnern. Borussia war eine Frau von erstaunlicher Schönheit…  Fürstliche antike Kleidung, ein erhabener römischer Helm auf dem Kopf. Sie erinnert mich ein bisschen an griechische Göttin Athene – erhaben, weise, nur sehr militant – ein echtes Symbol des Preußens. 1923 entfernten litauische Rebellen, die für den Anschluss der Region Klaipėda kämpften, das Denkmal der schönen Frau und brachten es zum Rathaushof. In den späten 1930er Jahren, als sich die nationalistische Stimmung in Deutschland verstärkte, wurde es wiederaufgebaut. Während des Zweiten Weltkriegs verschwand Borussia wieder und wurde später durch mich ersetzt.

1958 ich habe meinen Bronzekörper bekommen, aber dann endete die Arbeiten daran  – ich habe meinen Platz erst nach 13 Jahren eingenommen. Bis dahin verbrachte ich 5 Jahre in einer Werkstatt in Vilnius, dann versteckte ich mich weitere sieben Jahre am Zaun in der Hafenstadt. Am Zaun! Deshalb beschwere ich mich nicht über die aktuelle Situation – ich zähle die Gäste der Stadt, die am Kai vorbeikommen, ich erfrische die Kinder, die an einem heißen Sommernachmittag Frische suchen und in der Fontäne spielen.

Und vor allem kann ich jeden Morgen überwachen, ob der Bürgermeister der Stadt seine Arbeit richtig macht. Ich verrate ein Geheimnis – ich hoffe immer noch, ihn dabei zu erwischen wie er zu spät kommt und ihn zu disziplinieren, aber es ist bis jetzt nie gelungen.